Das Kettensägen-Vermächtnis: Wie der Boss HM-2 den schwedischen Sunlight-Sound definierte

Die Geburt der Kettensaege im Stockholmer Untergrund

Ende der 1980er Jahre war das Sunlight Studio in Stockholm kein Hochglanztempel fuer polierte Rockproduktionen. Es war ein Arbeitsraum fuer Bands, die ihre Musik mit begrenzten Mitteln, maximaler Lautstaerke und einer klaren Vorstellung von Haerte aufnahmen. Als Tomas Skogsberg dort mit Nihilist arbeitete, entstand ein Klang, der nicht einfach als weitere Variante des amerikanischen Death Metal durchging. Die Sessions von 1989 legten den Grundstein fuer jene schneidende, verdichtete Gitarrenwand, die wenig spaeter mit Entombeds Left Hand Path zum internationalen Referenzpunkt wurde. Der Boss HM-2 stand dabei nicht als dekoratives Detail im Signalweg, sondern als akustischer Brandbeschleuniger.

Der schwedische Klang unterschied sich deutlich von den damals bekannten Florida-Produktionen. Produktionen aus Tampa setzten oft auf tiefe, relativ sauber definierte Gitarren, kontrollierte Raummikrofone und eine insgesamt groessere, studiomaessigere Abbildung. Stockholm klang naeher, rauer und gefaehrlich unaufgeraeumt. Die Gitarren hatten weniger einzelne Konturen, dafuer eine aggressive Mittendichte, die im Mix wie eine rotierende Metallklinge arbeitete. Dieser Buzzsaw-Sound war kein zufaelliges Nebenprodukt schlechter Technik. Er war das Resultat einer bewussten Kette aus Pedal, Verstaerker, Lautsprecher, Mikrofon, Mischpult und Kompression.

Der HM-2 war urspruenglich nicht als Death-Metal-Monster gedacht. Als Rockpedal blieb er hinter den Erwartungen vieler Spieler zurueck, weil seine Klangregelung bei normalen Einstellungen eigensinnig und wenig elegant wirken konnte. Erst der extreme Missbrauch offenbarte seine Identitaet. Werden die Regler fuer Distortion, High, Low und Level kompromisslos aufgedreht, kippt die Schaltung in einen Grenzbereich, in dem Verzerrung, Resonanz und Rauschen zu einer eigenen Sprache verschmelzen. Genau dort beginnt die Verbindung zwischen analoger Schaltungsanomalie und moderner Studiotechnik, die auch heute noch wertvoll ist.

Schaltungsanatomie des HM-2 und der beruechtigte Swedish Mittenpeak

Die Besonderheit des HM-2 liegt nicht allein in seiner Verzerrerstufe. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Distortion-Engine und der sogenannten Color-Mix-Klangregelung. Der EQ arbeitet mit getrennten Hoch- und Tiefbandsektionen, die nicht wie ein neutraler Drei- oder Vierband-EQ funktionieren, sondern bestimmte Frequenzbereiche stark hervorheben und in den verzerrten Signalweg zurueckfuehren. In der extremen Einstellung werden vor allem ein praesenter Bereich um etwa 1 kHz und ein druckvoller Tiefbereich um etwa 100 Hz betont. Die exakten Werte veraendern sich je nach Messpunkt und Schaltungstoleranz, doch das tonale Prinzip bleibt konstant: ein aggressiver Mittenbiss, gekoppelt mit koerperhaftem Low-End.

Technisch betrachtet tragen gyratorbasierte Filtersektionen dazu bei, dass die Klangregelung trotz kleiner Bauform markante Resonanzspitzen erzeugen kann. Ein Gyrator bildet dabei vereinfacht gesagt das Verhalten einer Induktivitaet mit aktiven Bauteilen nach. Das erlaubt Filtercharakteristiken, die mit Kondensatoren, Widerstaenden und Transistorstufen kompakt umgesetzt werden. Beim HM-2 fuehrt diese Architektur nicht zu einer linearen Korrektur, sondern zu einer drastischen Faerbung. Der Reglerweg fuehlt sich deshalb weniger wie ein fein aufloesendes Mischpult an, sondern eher wie ein Schalter zwischen brauchbarer Verzerrung und vollstaendiger akustischer Verwilderung.

Die Verzerrung selbst wird durch Siliziumdioden gepraegt. Sobald die Signalspannung die jeweilige Schwelle ueberschreitet, werden die Wellenformen hart begrenzt. In der Praxis entsteht dadurch ein komprimiertes, obertonreiches Signal mit wenig dynamischem Abstand. Je nach Pegelverhaeltnissen und genauer Bauteilvariante kann das Clipping asymmetrische Anteile entwickeln. Gerade diese nicht vollkommen symmetrische Begrenzung verleiht dem Klang eine koernige, leicht unruhige Textur. Das Pedal macht aus dem Gitarrensignal keinen glatten Block, sondern einen dichten Strom aus Grundton, Obertoenen und komprimierten Transienten.

  • Die extreme Mittenbetonung sorgt fuer Durchsetzung zwischen Bass, Bassdrum und Stimmen.
  • Der Bereich um 100 Hz gibt dem verzerrten Signal Gewicht, kann aber moderne Tiefbassdefinition verschleiern.
  • Hartes Silizium-Clipping reduziert Dynamik und erzeugt den charakteristischen rauen Obertonteppich.
  • Alle Regler auf Rechtsanschlag bilden einen elektrotechnischen Grenzfall, nicht automatisch eine optimale Einstellung fuer jeden Mix.

Das beruehmte Rechtsanschlag-Setup ist deshalb mehr als ein Kultgestus. Bei maximaler Einstellung werden die Filtersektionen maximal in den Signalweg gedrueckt, waehrend die Distortion-Stufe mit einem hohen Pegel gespeist wird. Das Resultat ist laut, komprimiert, verrauscht und spektral extrem unausgewogen, wenn es isoliert betrachtet wird. Im Bandkontext entsteht jedoch genau jene scheinbare Unvernuenftigkeit, die Gitarren durch ein dichtes Arrangement schneidet. Der HM-2 klingt allein oft wie ein defektes Werkzeug. Mit Schlagzeug, Bass und Gesang wird daraus eine Haltung.

Das Sunlight-Besteck zwischen Peavey-Transistoren und Mikrofonplatzierung

Der Sunlight-Sound entstand nicht durch das Pedal allein. Skogsbergs Arbeitsweise verband den HM-2 mit kleinen Transistorverstaerkern, insbesondere Peavey-Combos, sowie Marshall-Roehrenverstaerkern und einer bewusst hart angefahrenen analogen Studioumgebung. Ein Peavey Bandit liefert dabei nicht dieselbe weiche Endstufenkompression wie ein grosser Roehrenstack. Seine Transistorhaerte bleibt im Anschlag praesent. Vor dem Amp erzeugt der HM-2 bereits die Hauptzerstoerung, der Verstaerker dient eher als lauter, charaktervoller Lautsprecher-Treiber und als weitere Begrenzungsstufe.

Die Interaktion mit Lautsprecherpappen ist entscheidend. Ein kleiner Combo-Lautsprecher reagiert auf tiefe, stark verzerrte Signale nicht wie eine moderne Hochleistungsbox. Die Membran komprimiert, bewegt sich mechanisch in ihrem begrenzten Arbeitsbereich und erzeugt eigene Verzerrungsanteile. Das Gehaeuse kann Resonanzen und eine enge Abstrahlung hinzufuegen. Dadurch wird der HM-2-Sound weniger breitbandig, als er direkt aus dem Pedal erscheint. Harte Tiefen werden teilweise in mechanische Kompression verwandelt, waehrend die oberen Mitten als schneidender Kern erhalten bleiben.

Vintage Gitarrenverstärker und Boxen in einem Tonstudio
Erst das Zusammenspiel aus Pedal, Verstaerker und Lautsprecher formt aus extremer Verzerrung den tragfaehigen Gitarrenklang im Mix.

Bei der Mikrofonierung wurden dynamische Mikrofone eingesetzt, um diese extreme Quelle zu kontrollieren. Ein Mikrofon wie das im Sunlight-Kontext genannte Audio-Technica-Modell kann nahe an der Lautsprechermembran hohe Schalldruckpegel verarbeiten und bildet den aggressiven Nahbereich direkt ab. Schon wenige Zentimeter Positionsaenderung veraendern das Verhaeltnis aus Biss, Koerper und Schaerfe. Direkt auf die Kalotte gezielt wird der Ton haerter und heller. Eine Position naeher am Membranrand bringt mehr Koerper und weniger stechende Hochmitten. Im Studio wird die Kettensaege nicht nur eingestellt, sondern vor dem Mikrofon platziert.

Hinter dem Mikrofon folgte die analoge Veredelung. Ein ungewoehnlich stark angefahrenes Mischpult, Kompression und die Summe aus mehreren kleinen Nichtlinearitaeten machten aus dem bereits aggressiven Pedalsignal einen zusammenhaengenden Klangkoerper. Das erklaert, warum identische HM-2-Einstellungen in einem modernen, vollkommen linearen Direkt-Setup oft nur laut und kratzig wirken. Historische Aufnahmen verdanken ihren Charakter der gesamten Kette.

Schluesselaufnahme Technische Bedeutung Klangliche Wirkung
Nihilist Sessions 1989 Fruehe Sunlight-Arbeit mit HM-2 und kleinem Verstarker Roh, direkt und richtungsweisend
Entombed, Left Hand Path Verdichtung des Stockholm-Konzepts im Albumformat Breite, aggressive Gitarrenwand mit starkem Mittenkern
Dismember, Like an Ever Flowing Stream Konsequente HM-2-Nutzung in Proben, Konzerten und Aufnahmen Unmittelbar, bissig und kompromisslos
Grave und verwandte Sunlight-Produktionen Variation desselben analogen Grundgedankens Tiefer, dunkler und weniger poliert

Die Wirkung reichte bald ueber Stockholm hinaus. At the Gates verbanden die schwedische Schneide mit melodischer Klarheit, waehrend spaetere Produktionen von Refused zeigten, dass Skogsbergs Umgang mit Gitarren auch im Hardcore funktionieren konnte. Dan Swanö verfolgte in seinem Unisound-Umfeld teilweise andere Produktionsentscheidungen und bevorzugte spaeter digitale Werkzeuge, bestaetigte jedoch indirekt die Bedeutung von Raum, Monitoring und bewusst gewaehlter Signalverarbeitung. Das Sunlight-Prinzip war nie eine starre Preset-Formel, sondern eine Methode, eine Band mit begrenzten Mitteln unverwechselbar abzubilden.

Moderne HM-2-Adaptionen ohne Verlust von Transparenz und Punch

Moderne Produktionen stellen das HM-2-Konzept vor ein neues Dilemma. Die Kettensaege soll aggressiv und koernig bleiben, waehrend Bassdrums heute oft bis weit in den Tiefbassbereich kontrolliert, klickend und praezise abgebildet werden. Wird der komplette HM-2-Frequenzbereich ungefiltert auf zwei Rhythmusgitarren gelegt, entsteht schnell eine tiefe Wolke. Besonders bei tiefen Stimmungen konkurrieren Gitarren, Bass und Kick um dieselben Frequenzen. Transparenz entsteht deshalb nicht durch weniger Charakter, sondern durch bessere Aufteilung.

Clean-Blend-Schaltungen und parallele Signalpfade bieten dafuer einen eleganten Ausweg. Ein verzerrter Pfad liefert die mittige Saege, ein sauberer oder nur maessig gesaettigter Pfad bewahrt Anschlag, Grundton und Palm-Mute-Kontur. Moderne HM-2-inspirierte Pedale ergaenzen das klassische Konzept teilweise um Blend-Regler, Focus-Schalter oder erweiterte Drei- und Vierband-EQs. Der Vorteil liegt nicht darin, den historischen Klang zu ersetzen. Er liegt darin, seine Funktion im Mix genauer zu steuern. Auch ein Original-HM-2 kann parallel aufgenommen oder in der DAW dupliziert werden, sofern die Phasenlage und die Laufzeiten sauber kontrolliert werden.

  1. Beginne mit einer trockenen, sauber intonierten Gitarrenspur und waehle die tiefste Stimmung nicht nach Optik, sondern nach der spaeteren Bassdrum- und Bassaufteilung.
  2. Setze den HM-2-Pfad radikal fuer die Mittensaege ein, filtere unbrauchbaren Subbass vor oder nach dem Pedal und lasse den Bereich unterhalb des musikalisch relevanten Grundtons nicht unkontrolliert wachsen.
  3. Mische einen Clean- oder High-Gain-Parallelpfad hinzu, bis Anschlag und Palm-Mutes wieder lesbar sind, ohne die rauen Obertoene des HM-2 zu neutralisieren.
  4. Reampe das Ergebnis durch die reale Box oder eine Impulsantwort und korrigiere erst danach mit chirurgischem EQ, Kompression und Automation.

Besonders stimmig funktioniert die Kombination aus HM-2-Mittensaettigung und einem tight abgestimmten High-Gain-Verstaerker. Der Amp muss nicht selbst maximal zerstoert werden. Ein kontrollierter Kanal mit straffem Bass kann die Grundform liefern, waehrend das Pedal die markante Schicht darueberlegt. Bei zwei Gitarrenspuren lohnt sich zudem eine asymmetrische Rollenverteilung: Eine Seite kann mehr HM-2 und weniger Tiefe erhalten, die andere etwas weniger Saege und mehr Koerper. So bleibt das Stereobild beweglich, statt zu einer identischen Wand zu erstarren.

Kettensaege im Post-Metal und modernen Hardcore

Aus dem Old-School-Death-Metal-Kontext wanderte die HM-2-Aesthetik in Grindcore, D-Beat, Crust, Post-Metal und modernen Hardcore. Spaetere Bands nutzten sie nicht zwingend, um eine historische Stockholm-Kopie herzustellen. Die Textur wurde zur kuenstlerischen Waffe. Bei Trap-Metal und genreuebergreifenden Produktionen kann eine kurze, stark gefilterte HM-2-Gitarrenlage sogar als rauer Kontrast zu sublastigen Beats, synthetischen Baeumen und komprimierten Vocals dienen. Der Klang funktioniert dort weniger als klassisches Gitarrenfundament, sondern als zerstoerte Oberflaeche.

In tief gestimmten Arrangements erzeugt kontrolliertes Chaos seine Wirkung erst durch Kontrast. Ein nahezu ueberladener Mittenbereich kann neben sehr trockenen Drums und einem sauber subkontrollierten Bass stehen. Post-Metal nutzt die Kettensaege oft als Langzeittextur, waehrend Hardcore sie fuer unmittelbaren Angriff einsetzt. Aufnahmen von Bands wie Nails, Trap Them, Black Breath oder Bloodbath zeigen, wie weit sich das Konzept von seinem Stockholmer Ursprung entfernen kann, ohne seine DNA zu verlieren. Entscheidend bleibt die Balance zwischen Kompromisslosigkeit und lesbarer Bewegung.

  • Im Grindcore darf die Verzerrung als kurzer, scharf geschnittener Impuls funktionieren.
  • Im Post-Metal wird sie oft mit langen Hallfahnen, Feedback und langsamem Modulationsverlauf kombiniert.
  • Im modernen Hardcore sollte der Mittenschub den Schlag der Drums ergaenzen, nicht deren Attacke verdecken.
  • In Trap-Metal-Kontexten kann eine stark gefilterte Parallelspur als kuenstlerischer Stoerkoerper eingesetzt werden.

So bleibt der Kettensaege-Kult im modernen Studio lebendig

Der HM-2 ist kein sentimentales Relikt aus einer verschwundenen Studioszene. Sein Wert liegt in einer eigenstaendigen Philosophie: Ein Klang muss nicht neutral sein, um im Mix zu funktionieren. Die scheinbar falsche Abstimmung des Pedals liefert einen starken Standpunkt. Sie zwingt Gitarristen und Toningenieure, ueber Signalrollen, Frequenzkonflikte und Lautsprecherreaktionen nachzudenken. Wer nur den Rechtsanschlag kopiert, bekommt den Effekt. Wer die komplette Kette versteht, bekommt Kontrolle.

Der sinnvollste naechste Schritt ist deshalb kein blindes Nachkaufen und kein endloses Vergleichen von Plugin-Presets. Nimm eine einfache DI-Spur auf, teste den HM-2 oder einen guten Nachbau, reampe durch verschiedene Lautsprecher und hoere jede Entscheidung im Arrangement. Entferne Subbass, wenn er nichts zur musikalischen Aussage beitraegt. Bewahre die Mittensaege, wenn sie die Gitarren gegen Bass und Schlagzeug behauptet. Der Kult bleibt lebendig, wenn Sounddesign nicht auf glaettegebuegelte Standardantworten reduziert wird. Im modernen Metal zaehlt nicht akustische Gleichfoermigkeit, sondern Haltung im Mix.